Die Vogelwelt Bd. 129 4/2008

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Schwerpunkte:
  • Mantelfärbung und taxonomische Stellung der Amrumer Heringsmöwen
  • Phänologie der Schwingenmauser von Wasservögeln am Bodensee
  • Soziale Einflüsse, Umweltfaktoren und Urbanisationsgrad beeinflussen die Fluchtdistanzen bei Rabenkrähen

Heringsmöwe. © L.Ritzel

Heringsmöwe. © L.Ritzel

Noeske, A.:
Mantelfärbung und taxonomische Stellung der Heringsmöwen Larus fuscus auf Amrum
Zwischen dem 17. Mai und 15. Juni 1986 wurden im NSG Amrum-Odde an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste (54° 42‘ 21,61“ N, 08° 21‘ 4,00“ E) 62 adulte Heringsmöwen auf dem Nest gefangen. Um diese Vögel im Hinblick auf die bekannte geografische Variation in der Mantelfärbung zu untersuchen, wurden jeweils einige Mantelfedern entnommen. Die Grauwertbestimmung erfolgte später unter Laborbedingungen anhand der Munsell Neutral Value Scale und der Kodak Grayscale. Amrumer Heringsmöwen variieren nach Kodak von 9,7-16 (Mittelwert 12,1; Median 11,3) und weisen damit Grauwerte auf, die sowohl bei L. f. graellsii als auch bei L. f. fuscus vorkommen. Die große Mehrheit (46 Vögel, 74 %) weist mit Kodak-Werten zwischen 11 und 13 typische Grauwerte von L. f. intermedius auf, 18 Vögel (29 %) haben einen Kodak-Wert von 13 oder dunkler und liegen damit innerhalb der für fuscus beschriebenen Variationsbreite. Elf Vögel (18 %) wurden als 14 oder dunkler beurteilt und liegen außerhalb der für intermedius angegebenen Variationsbreite. Lediglich ein Vogel (2 %) hatte mit 9,7 einen für graellsii typischen Kodak- Wert. Auch nach Munsell-Grauwerten weisen Amrumer Heringsmöwen mit 1,75 bis 3,5 Werte auf, wie sie für intermedius-Populationen typisch sind (Mittelwert 2,85; Median 3,0). Variation, Verteilung und Mittelwert weisen Amrumer Heringsmöwen als intermedius-Vögel aus. Dies stimmt überein mit den Ergebnissen auf der mitochondriengenetischen Ebene, wonach die Amrumer Population den südnorwegischen intermedius-Vögeln am nächsten steht. Ein Amrumer Brutvogel war als Nestling auf Terschelling (Niederlande) beringt worden. Dieser Vogel und der hohe Anteil von Vögeln mit sehr dunklem Mantel machen die Einflüsse von niederländischen und skandinavischen Populationen auf die Kolonien an der deutschen Nordseeküste deutlich. Auffällig war ein schwarzmanteliges Exemplar mit einem Munsell-Grauwert von 1,75 (Kodak 16). Dieser Vogel gehört zu den dunkelsten Heringsmöwen überhaupt. Solche dunklen, langflügeligen und kleinen Vögel werden oft der Unterart fuscus zugeschrieben und dann als „Baltische Heringsmöwe“ bezeichnet. Solche adulten Vögel in intermedius-Kolonien können tatsächlich Einwanderer aus dem nordnorwegischen oder baltischen Brutgebiet sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass der Großteil dieser Vögel im intermedius-Brutgebiet geschlüft und von echten fuscus-Vögeln nicht zu unterscheiden ist. Der Genfluss über von Taxonomen definierte Unterartgrenzen resultiert in einem Merkmalsmosaik, so dass weder ein einzelnes Merkmal noch eine Merkmalskombination für fuscus diagnostisch ist. Angesichts der Variationsbreite in der Amrumer Kolonie, die mit früheren Beschreibungen der Unterart intermedius übereinstimmt, erscheint es angebracht, nur Ringvögel mit bekannter Herkunft der Unterart fuscus zuzuordnen, wenn es um das Vorkommen dieser Form im westlichen Europa geht.


Höckerschwan. © M.Döpfner

Höckerschwan. © M.Döpfner

Döpfner, M. & H.-G. Bauer:
Phänologie der Schwingenmauser ausgewählter Wasservogelarten am westlichen Bodensee im Jahr 2007
Im Zeitraum vom 6. Juni bis zum 13. September 2007 wurden in vier Mauserquartieren am westlichen Bodensee der Bestands- und Schwingenmauserverlauf von Höckerschwan, Schnatterente, Reiherente, Kolbenente und Blässhuhn durch systematische Erfassungen untersucht. Beginn, Höhepunkt und Ende der Schwingenmauser sowie eventuelle geschlechtsspezifische Unterschiede werden anhand des prozentualen Anteils flugunfähiger Individuen am Gesamtbestand zur Mauserzeit für fünf Arten dargestellt. In den Untersuchungsgebieten waren maximal 202 Höckerschwäne, 1.060 Schnatterenten, 38 Reiherenten, 799 Kolbenenten und 1.413 Blässhühner anwesend, doch nur ein Teil dieser Vögel mauserte die Schwingen dort. Bei vier Arten setzte die Schwingenmauser gegen Ende Juni/ Anfang Juli ein, bei der Reiherente vier Wochen später. Bei allen war die Phase der Flugunfähigkeit Anfang bis Mitte September weitestgehend abgeschlossen. Die Mauserpopulationen der einzelnen Arten traten mit unterschiedlicher Synchronität in die Schwingenmauser ein, wobei sowohl ein sehr synchroner als auch eine sehr asynchroner Beginn als mögliche Schutzstrategie interpretiert werden kann.


Randler, C.:
Soziale Einflüsse, Umweltfaktoren und Urbanisationsgrad beeinflussen die Fluchtdistanzen bei Rabenkrähen Corvus corone
Vögel fliehen vor Menschen, da sie diese als Prädatoren einstufen und dementsprechend reagieren. Die Fluchtdistanz ist ein geeignetes Maß, um das Abwägen zwischen Fliehen und Bleiben zu beobachten, da die Fluchtdistanz sowohl zwischen einzelnen Individuen variiert („fearfulness“, Persönlichkeit) als auch von verschiedenen sozialen und Umweltvariablen beeinflusst wird. Messungen zur Fluchtdistanz wurden an Rabenkrähen innerhalb und außerhalb von Siedlungen durchgeführt (416 Individuen in der Region um Stuttgart an 30 Tagen zwischen dem 10. Nov. und 18. Dez. 2005). Innerhalb von Siedlungen hatten Rabenkrähen eine geringere Fluchtdistanz als außerhalb. Die Fluchtdistanzen waren umso geringer, je größer die Einwohnerzahl der Städte war, wenn die Krähen auf Sitzwarten saßen und je mehr Personen sich aktuell in der unmittelbaren Umgebung befanden. Die Fluchtdistanzen waren umso größer, je weiter weg sich schützende Deckung befand, je weiter weg die nächste Siedlung war, je größer die Entfernung zum nächsten Nachbarn war und je höher Windgeschwindigkeit, Temperatur und Sitzwartenhöhe waren. Später am Tag flohen die Rabenkrähen auf größere Distanz. Das statistische Modell erklärte durch diese Variablen 57 % der Varianz. Bei städtischen Rabenkrähen waren die Fluchtdistanzen größer bei höherer Temperatur, bei größerer Entfernung zu einem sicheren Platz und bei größerer Nachbardistanz, während sich im Laufe des Winters die Fluchtdistanzen verkürzten. An Schneetagen war die Fluchtdistanz ebenfalls geringer. Bei Rabenkrähen außerhalb der Städte stiegen die Fluchtdistanzen mit zunehmender Entfernung zur nächsten Siedlung, mit zunehmender Entfernung zu einem sicheren Platz, bei höherer Windgeschwindigkeit und bei höheren Temperaturen. Einwohnerzahl der nächst gelegenen Siedlung und aktuelle Personendichte korrelierten dagegen negativ. In dieser Studie konnten einige Ergebnisse vorheriger Studien bestätigt werden, andere hingegen nicht. Dies mag zum einen mit dem spezifischen Schwarmverhalten zusammenhängen (Schwärme bei der Rabenkrähe sind oft relativ locker und über große Distanz verteilt), andererseits auch mit der Intelligenz dieser Vögel sowie mit der großen Flexibilität im Verhalten, die eine schnelle Änderung von Verhaltensweisen ermöglicht.

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