Die Vogelwelt Bd. 128 2/2007

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Schwerpunkte:
  • Entwicklung der Brutbestände der Wiesen-Limikolen
  • Rufaktivität, Revierverhalten und Polygynie beim Wiedehopf
  • Weitere Rückgänge der Elster im Westen Schleswig-Holsteins 1990–2006 –  zum Widersinn neuester Jagdzeiten­Regelungen
  • Zunahme der Artenvielfalt auf Linientaxierungsstrecken in Südwestdeutschland
  • Elterliche Fütterung und ­Synethie des Verhaltens von flüggen Weißstörchen

Hötker, H., H. Jeromin & J. Melter:
Entwicklung der Brutbestände der Wiesen-Limikolen in Deutschland – Ergebnisse eines neuen Ansatzes im Monitoring mittelhäufiger Brutvogelarten
Viele Brutvögel in Deutschland gehören zu den „spärlichen“ Arten, die durch die Monitoringprogramme häufiger bzw. seltener Brutvogelarten nur unvollständig erfasst werden. Am Beispiel der Wiesen-Limikolen wird das sogenannte Zählgebietsmonitoring vorgestellt, das helfen soll, die „Monitoring-Lücke“ zwischen häufigen und seltenen Arten zu schließen. Es basiert auf Brutbestandsaufnahmen in fest abgegrenzten Gebieten und arbeitet sowohl mit regelmäßigen Zählungen im Rahmen bereits bestehender Programme als auch mit unregelmäßigen Zählungen. Die Abgrenzung der Zählgebiete kann sich weitgehend an bereits vorhandenen Strukturen orientieren, so dass sowohl bestehende Erfassungssysteme integriert werden können als auch neue Anforderungen, wie z. B. die Datenerhebungen in Natura-2000-Gebieten, Berücksichtigung finden. Der zusätzliche Aufwand für Felderhebungen wird so minimiert. Die Daten werden mit dem Programm TRIM ausgewertet. Als ein Praxistest für das Zählgebietsmonitoring wurden 26.258 Datensätze der Arten Austernfischer, Kiebitz, Alpenstrandläufer, Kampfläufer, Bekassine, Uferschnepfe, Großer Brachvogel und Rotschenkel aus den Jahren 1960–2004 zusammengestellt. Dafür wurden 2177 Zählgebiete festgelegt, die die deutschen Brutvorkommen von Alpenstrandläufer, Kampfläufer und Uferschnepfe annähernd vollständig und die Vorkommen von Großem Brachvogel und Rotschenkel größtenteils abdeckten. Wenn möglich, wurden Indices und Trends getrennt für die Regionen Nordseeinseln, Nordseevorländer, Nordseemarschen, Ostseeküste und Binnenland berechnet. Die Datendichte erlaubte in den meisten Fällen Aussagen über die Bestandsentwicklungen ab 1990, ausnahmsweise auch vorher…


Grüll A., J. Groß & J. Steiner:
Rufaktivität, Revierverhalten und Polygynie beim Wiedehopf Upupa epops im Neusiedler See-Gebiet, Österreich
Wir präsentieren Daten zur jahreszeitlichen Rufaktivität, zum Aggressivverhalten sowie zu einem Fall wahrscheinlicher Polygynie beim Wiedehopf, die 2002–2005 bei Revierkartierungen im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel gesammelt wurden. Auf der Probefläche (ca. 15 km2) brüteten jährlich 8–14 Paare. Für die Auswertung lagen insgesamt 947 Revierkontrollen mit Wiedehopfbeobachtungen vor (Abb. 2). Zwischen der Erstbeobachtung eines Jahres und den ersten Balzrufen verstrichen je nach Witterung 1–2 Wochen. Ankunft und Legebeginn zeigen nur einen schwachen und nicht signifikanten Zusammenhang (Abb. 4): früh und spät ankommende Paare begannen fast gleichzeitig Anfang Mai zu brüten. Bei den verpaarten Männchen erreichte die Rufaktivität Ende April in der fertilen Phase des Weibchens vor Legebeginn ihren Höhepunkt und fiel dann Anfang Mai auf einen Anteil von maximal 35 % rufender Männchen bis zum Ende der Legeperiode Anfang Juli (Einleitung von Ersatz- oder Zweitbruten)…


Busche, G.:
Weitere Rückgänge der Elster Pica pica im Westen Schleswig-Holsteins 1990–2006 – zum Widersinn neuester Jagdzeiten-Regelungen
Eine flächendeckende Erhebung im Landkreis Dithmarschen erbrachte für 2005 321 Reviere (0,23 Rev./km2 auf 1.405 km2). Die Elstern brüten heutzutage an Einzelsiedlungen und -höfen sowie in/an größeren Siedlungskomplexen (Straßen- und Haufendörfer) bis hin zu den größten Städten (Heide und Brunsbüttel, rund 20.000 und 14.000 Einwohner). Die offenen Landschaften sind quasi geräumt; die Art lebt nur noch in gut 6 % der Kreisfläche. Die höchsten Dichten liegen in den oben genannten Städten (gemittelt 3,5 Rev./km2). Außerhalb dieser stimmen die Dichten mit kleineren Siedlungen in Marsch und höherer Geest nahezu überein, nämlich etwa 0,1–0,2 Rev./km2). Auf einer jährlich untersuchten Probefläche (60 km2 Marsch) nahm die Art 2000–06 signifikant ab. Gegenüber 1990 ist der Gesamtbestand Dithmarschens bis 2005 auf 48 % zurückgegangen. Die Diskussion dieser negativen Bilanz ist auf menschliche Verfolgung fokussiert: a) in den 1980ern sehr hohe Abschusszahlen, b) im Zuge des Bejagungsverbots (1990er Jahre) sehr wahrscheinlich illegale Tötungen (Fang in Fallen, mit Giftködern usw.)…


Schuster, S. & A. Brall:
Zunahme der Artenvielfalt auf Linientaxierungsstrecken in Südwestdeutschland
Auf drei Probestrecken im Bodenseegebiet wurden die Brutvogelbestände seit 1968 mit der Methode der Linientaxierung erfasst. Nach jahrelangen Abnahmen der Artenzahlen kam es um 1985 zu einer Trendwende. Die Artenzahlen blieben konstant bzw. nahmen wieder zu. Eine Analyse von acht weiteren, seit 1993 bearbeiteten Probestrecken am Bodensee und im Raum Rottweil (40 km nördlich) ergab dasselbe Bild: siebenmal gab es zunehmende Artenzahlen. Die Trendwende ab 1985/1990 zu wieder höherer Artendiversität auf 10 von 11 Probestrecken wird mit dem Klimawandel erklärt. Die frühere Rückkehr der Zugvögel kann bei vielen Arten höhere Gelegegrößen, Ersatzgelege und sogar Zweitbruten und damit höheren Bruterfolg zur Folge haben. Dadurch steigt letztlich auch die Artenvielfalt an…


Typische Kopf-vor-Rumpf-Stellung des Halses mit miauenden Lautäußerungen („Bettelhaltung”). ­Foto: M.Fangrath

Typische Kopf-vor-Rumpf-Stellung des Halses mit miauenden Lautäußerungen („Bettelhaltung”). ­Foto: M.Fangrath

Fangrath, M.:
Elterliche Fütterung und Synethie des Verhaltens von flüggen Weißstörchen Ciconia ciconia außerhalb ihres Nestes
In einer Verhaltensstudie in Süddeutschland (Rheinland-Pfalz) an 13 Weißstorchpaaren und ihren flüggen Jungen (n = 31) konnten alle Vögel individuell an Farb- und Code­ringen, Telemetriesendern und Gefiedermarken unterschieden werden. Außerhalb des Nestes zeigten die Jungstörche ein ähnliches Verhalten wie auf dem Horst. Das Betteln mehrerer Jungvögel im Kreis wies die günstigste Fütterungsrate auf, wobei die Altvögel stets nur eigene Jungvögel versorgten. Umgekehrt bettelten Jungvögel außerhalb des Nestes nur die eigenen Eltern an, so dass sich außerhalb des Nestes ein geschlossener Familienverband präsentierte. Kleptoparasitismus durch fremde Jungvögel konnte nicht beobachtet werden. Jungvögel versuchten auch unabhängig von ihren Nestgeschwistern zu betteln (Alloethie), kamen dabei aber fast nie zum Erfolg. Die Zufütterungswahrscheinlichkeit durch die Altvögel hing von der Anzahl der mitbettelnden Nestgeschwister (Synethie) ab und nahm schrittweise zu (bei rechnerischer Abnahme des Futteranteils pro Jungvogel). Einzelne Jungvögel konnten nicht davon profitieren, dass sie keine Nestgeschwister haben. Sie wurden sehr selten gefüttert, möglicherweise als Resultat eines Eltern-Kind-Konflikts.

 

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