Die Vogelwelt Bd. 127 3/2006

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Schwerpunkte:
  • GPS-Satelliten-Telemetrie beim Schreiadler im Brutgebiet
  • Wellenläufer in Deutschland
  • Anpassungen des Seggenrohrsängers an instabile Brutbedingungen in Niedermooren
  • Säbelschnäbler im Naturschutzgebiet Leyhörn
  • Greifvogelprädation auf die Küken einer gemischten Kolonie von Flussseeschwalben und Lachmöwen
  • Schlafplatzverhalten junger Schwarzspechte
  • Zusammenarbeit von Ornithologen zur Zeit der ersten Handbuch-Bände

2006-03-Schreiadler

Diesjähriger, junger Schreiadler im Flug. Foto: K.Graszynski

Meyburg, B.-U., C. Meyburg, J. Matthes & H. Matthes:
GPS-Satelliten-Telemetrie beim Schreiadler Aquila pomarina: Aktionsraum und Territorialverhalten im Brutgebiet
In den Jahren 2004–2006 wurden sieben adulte Schreiadler (fünf Männchen und zwei Weibchen) mit GPS-Satelliten-Sendern markiert und ihre Aktionsräume und ihr Verhalten anhand von 2.976 GPS-Ortungen und Feldbeobachtungen im Brutgebiet analysiert. Die Reviere der vier in einer Brutsaison telemetrierten Männchen hatten eine Ausdehnung von mindestens 32,78 km2 (D), 34,14 km2 (BS), 46,40 km2 (LA) und 54,39 km2 (BT). Das fünfte Männchen (S), das in zwei Jahren untersucht werden konnte, wies 2005 ein home range von 93,78 km2 und 2006 ein solches von 172,29 km2 Größe auf. Im Mittel erstreckten sich alle sechs Aktionsräume über 72,29 km2. Bei den beiden Weibchen wurden sehr verschieden große brutzeitliche Aufenthaltsräume festgestellt (1,56 km2 und 82,3 km2), obwohl beide Individuen jeweils ein Junges hatten. Die erfolgreich brütenden Männchen verhielten sich streng territorial, ihre Reviere überschnitten sich nicht. Die Weibchen hingegen wurden aus fremden Horstgebieten nicht vertrieben und konnten sich sogar direkt an weit entfernten fremden Nestern aufhalten. Reviere von Paaren, die sich nicht erfolgreich fortpflanzen, wurden nach dem Scheitern der Brut von erfolgreichen benachbarten Paaren teilweise übernommen. Die maximalen Entfernungen vom Nest, in denen Altvögel festgestellt werden konnten, betrugen bei drei Männchen (D, BT und LA) rund 6–7 km, bei einem Weibchen (W) und einem Männchen (BS) ca. 11 km und beim Männchen S mit den meisten GPS-Ortungen über 13 km. Die Größen der Aktionsräume und die Entfernungen, bis zu denen sich die Vögel vom Nest entfernten, waren während des gesamten Aufenthalts im Brutgebiet nicht konstant. Das Männchen S entfernte sich ab der Frühjahrsankunft zunehmend weiter vom Horst. Mitte Juli flog es in beiden Jahren am weitesten und hatte auch die größten Aktivitätsräume. Danach wurden die Aktionsräume bis zum Beginn des Herbstzugs wieder kleiner. Die home ranges wurden sehr unterschiedlich intensiv genutzt. 84% der 677 Ortungen des Männchens S erfolgten 2005 auf einer Fläche von nur 14,24 km2, 2006 wurde der Vogel in 71,4% der 989 Fälle auf einer Fläche von 15,43 km2 festgestellt. Um dieser vom Aussterben bedrohte Art effektiv zu helfen, wird ein geschützter Raum mit einem Radius von 3 km um die Horste für nicht ausreichend angesehen. Es sollten im Umkreis von mindestens 6 km keine einschneidenden Veränderungen (Bau von Windkraftanlagen, Autobahnen, Straßen, Fahrradwege, Ortschaften usw.) zugelassen werden.


Auf binnendeichs gelegenem Parkplatzgelände stark geschwächt aufgefundener Wellenläufer, der kurze Zeit nach der Aufnahme starb, Bremerhaven, 26.September 2004. Foto: G.Pegram

Auf binnendeichs gelegenem Parkplatzgelände stark geschwächt aufgefundener Wellenläufer, der kurze Zeit nach der Aufnahme starb, Bremerhaven, 26.September 2004. Foto: G.Pegram

Krüger, T. & J. Dierschke:
Das Vorkommen des Wellenläufers Oceanodroma leucorhoa in Deutschland
Der Erstnachweis von Wellenläufern für Deutschland geht auf das Jahr 1583 (zwei Vögel am Neckar bei Heidelberg) zurück. Bis einschließlich 2004 wurden insgesamt 2.679 Wellenläufer registriert. 22 Nachweise von insgesamt 26 Individuen stammen aus der Zeit vor 1900. Zwischen 1901 und 1913 wurden Wellenläufer nahezu alljährlich bemerkt. Bis 1947 schwankt die Jahressumme festgestellter Vögel zwischen ein und drei Vögeln. Von 1951 bis 2004 wurden mit Ausnahme von vier Jahren (1954, 1959, 1969, 1981) alljährlich Wellenläufer registriert, seither ist die Art als regelmäßiger Gastvogel Deutschlands einzustufen. 1952 kam es dabei mit 18 Vögeln zum ersten in dieser Intensität nie zuvor registrierten Einflug nach Deutschland. Derartige „Einflugjahre“ traten fortan immer wieder einmal auf, so z. B. 1978 (73 Ind.) und 1988 (158). Seit den 1990er Jahren werden im Vergleich zu den vorausgegangenen Jahrzehnten deutlich mehr Wellenläufer pro Jahr registriert. Hierbei ragen zudem einzelne Jahre mit überdurchschnittlich hohem Vorkommen hervor, insbesondere 1990 (201 Ind.), 1997 (291), 2003 (87) und 2004 (861). Die meisten (2.369) Wellenläufer wurden im Gebiet der Nordsee (88,4%) entdeckt, 42 Individuen gelangten in die Ostsee (1,6%) und 268 Vögel wurden ins Binnenland verschlagen (10,0%), davon 20 in „küstenferne“ Gebiete (S von 50°30’ N). Die ersten Wellenläufer erscheinen im Verlauf des Wegzugs ausnahmsweise bereits Mitte August, regelmäßig jedoch erst ab Anfang September (50. Pentade). Hiernach steigt die Zahl der festgestellten Wellenläufer steil an, bis Ende September (54./55. Pentade) der Durchzugsgipfel erreicht wird. Im Januar und Februar wurden nur 14 Wellenläufer dokumentiert, während des Heimzuges (März–Mai) nur zehn. Aus der Brutzeit (Juni–Juli) lässt sich lediglich eine Wellenläufer-Meldung als Nachweis werten. Vor Wangerooge erscheinen Wellenläufer fast ausschließlich bei Nordwest- bzw. Westwind (bevorzugt Nordwest). Auf Sylt wurden zusätzlich bei Südwestwind vermehrt Wellenläufer festgestellt, am häufigsten erscheinen sie bei westlichen Winden. Bei schwächeren Winden als 6 Beaufort (Bft) wurden kaum Wellenläufer notiert. Vor Sylt wanderten die meisten Vögel (94,3 %) in südliche Richtung, vor Wangerooge in westliche Richtungen (99,5 %) und vor Helgoland ebenfalls gegen Westen (52,6%). Von 1853 bis 2004 wurden in Deutschland nur 120 Individuen (4,5 %) dokumentiert, die eines natürlichen Todes ohne Fremdeinwirkung (z. B. Prädation) gestorben sind oder sehr stark ermattet/sterbend gefunden wurden. Aufgeteilt nach Sektoren starben im Bereich der deutschen Nordsee lediglich 3,4% der dort insgesamt dokumentierten Vögel (n = 2.368), im Binnenland-Nord 9,7% (n = 248), im deutschen Ostseeraum bereits 21,4% (n = 42) und schließlich im Binnenland-Süd 35,0% (n = 20). Neben natürlichem Tod ohne Fremdeinwirkung (74,5% aller gestorbenen Individuen, n = 161) kamen Wellenläufer in Deutschland zusätzlich auf verschiedene Art und Weise um: Tötung/„Sammlung“ (14,9 %), Prädation durch Vögel (3,7 %), Kollision mit Leuchttürmen, anderen Gebäuden oder beleuchteten Schiffen (3,1 %), Straßenverkehr (1,2%), Kollision mit Stacheldrahtzaun (0,6%). Das Vorkommensmuster nach Jahren und im Jahresverlauf wird mit dem in anderen europäischen Ländern verglichen, die Zunahme der Nachweise sowie der Einfluss meteorologischer Parameter auf das Vorkommen, die eingeschlagenen Zugrichtungen sowie das Ausmaß an Mortalität werden diskutiert.


Futtertragendes Seggenrohrsänger-Weibchen in Nestnähe (in Belarus).Foto: F.Tanneberger

Futtertragendes Seggenrohrsänger-Weibchen in Nestnähe (in Belarus).Foto: F.Tanneberger

Vergeichik, L. & A. Kozulin:
Variabilität der Eiablagezeit und des Neststandorts als Anpassungen des Seggenrohrsängers Acrocephalus paludicola an instabile Brutbedingungen in Niedermooren in Belarus
In den Jahren 1998–2005 wurden in den drei größten Niedermooren in Belarus (Dikoe, Sporovo und Zvanets) – den wichtigsten Brutgebieten im gesamten Verbreitungsareal des Seggenrohrsängers – die Brutpänologie und die Wahl des Neststandorts dieser Art untersucht. Von 191 Nestern (Erst- und Zweitbruten) befanden sich 54,4% standardgemäß unter alter trockener Vegetation, aber 18,8% in Hohlräumen innerhalb von (auch verbrannten) Seggenhorsten, 19,8 % ausschließlich im Schutze grüner Vegetation und 6,8 % in altem Seggengewirr über dem Wasser. Unter ungestörten Bedingungen gibt es pro Brutsaison zwei Legeperioden, wobei ein Teil der Weibchen anscheinend nur in einer der beiden Zeiträume brütet und nur manche Weibchen zwei Gelege produzieren. Bei ungünstigen Brutbedingungen können die Weibchen den Brutbeginn frei verschieben, so dass in manchen Jahren alle Weibchen innerhalb eines einzigen kurzen Zeitraumes brüten. Als wichtigste Faktoren bestimmen Schwankungen im Wasserstand und der von Bränden und Überflutungen geprägte Zustand der Vegetation den Zeitpunkt der Brut und den Neststandort.


Freise, F., K.-M. Exo & B. Oltmanns:
Ist das NSG Leyhörn als Brutgebiet für Säbelschnäbler Recurvirostra avosetta geeignet?
Die Leybucht war Anfang der 1980er Jahre einer der bedeutendsten Brutplätze des Säbelschnäblers in Europa. Seit Beginn der 1990er Jahre nahm der Brutbestand drastisch ab. Die Bestandsabnahme ging einher mit der Verlagerung der Brutplätze aus außendeichs gelegenen Salzwiesen der östlichen Leybucht in binnendeichs gelegene Gebiete des NSG Leyhörn. Das NSG Leyhörn entstand in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre im Rahmen der Baumaßnahme „Küstenschutz Leybucht“. Biologische Begleituntersuchungen im Zuge der Baumaßnahme ließen Zweifel an der Eignung des NSG Leyhörn, insbesondere des Speicherbeckens, als Brutplatz für Säbelschnäbler aufkommen. Vor allem bei der Jungenaufzucht schien es zu großen Verlusten zu kommen. Um die Eignung des NSG Leyhörn als Brutplatz für Säbelschnäbler zu überprüfen, wurden im Jahr 2003 neben Brutbestandserfassungen erstmals quantitative brutbiologische Untersuchungen durchgeführt und der Einfluss verschiedener potenzieller Verlustursachen wie Überschwemmungen der Brutplätze, Prädation, Nahrungsverfügbarkeit, Vegetation und Wetter in ihrem Einfluss bewertet. Mit weniger als 0,1 flüggen Jungvögeln pro Brutpaar lag der Bruterfolg weit unter dem zur Bestandserhaltung notwendigen Minimum. Die Brutverluste waren im Wesentlichen auf Nestüberflutungen und Prädation zurückzuführen, zwei Verlustursachen, die langfristig nicht ausgeschlossen werden können. Hinzu kommt die fortschreitende Sukzession der Vegetation, die bereits mittelfristig zum Erlöschen hochwassersicherer Brutplätze führen dürfte. Das NSG Leyhörn scheint als Brutplatz für Säbelschnäbler wenig geeignet. Geeigneter erscheinen die angestammten außendeichs gelegenen Brutplätze in Salzwiesen.


Flussseeschwalben auf einem Brutfloß. Foto: D.Denac

Flussseeschwalben auf einem Brutfloß.
Foto: D.Denac

Denac, D.:
Kükenverstecke verhinderten nicht Greifvogelprädation auf die Küken einer gemischten Kolonie von Flussseeschwalben Sterna hirundo und Lachmöwen Larus ridibundus in Slowenien.
Prädation stellt eine ernsthafte Bedrohung für kolonial brütende Wasservögel dar, insbesondere bei vom Menschen künstlich angesiedelten Kolonien, die dem Schutz gefährdeter Arten dienen. Während die Effizienz einer einfachen Schutzmaßnahme, die Einrichtung von Verstecken für Küken gegen die Prädation durch Möwen, schon untersucht worden ist, existieren kaum Studien über die Effektivität dieser Schutzeinrichtung gegen den Prädationsdruck durch Greifvögel. Dies wurde nun in einer gemischten Brutkolonie von Flussseeschwalben und Lachmöwen quantitativ untersucht. Im Experiment wurden drei identische Brutflöße mit einer unterschiedlichen Anzahl von Kükenverstecken ausgestattet. Die Küken wurden von einem Habicht bejagt. Die Jagdintensität war von der Anzahl der Kükenverstecke unabhängig, was auf eine fehlende Schutzfunktion der Verstecke hindeutet. Offensichtlich müssen andere bzw. weiterentwickelte Schutzmaßnahmen eingesetzt werden, um in Kolonien den Prädationsdruck durch Greifvögel zu verringern.


Keicher, K.
Schlafplatzverhalten junger Schwarzspechte Dryocopus martius an den ersten Tagen nach dem Ausfliegen


Glutz von Blotzheim, U. N.:
Zusammenarbeit von Ornithologen in Mitteleuropa zur Zeit der ersten Bände des Handbuchs der Vögel Mitteleuropas und der Gründung des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten (DDA)
Ich bin Ende 1962 zu dem im Wesentlichen aus Kurt M. Bauer bestehenden „Team“ der Neubearbeitung des „Handbuchs der deutschen Vogelkunde“ gestoßen, habe sofort verschiedene z. T. schon von K. Bauer eingeleitete konzeptionelle und organisatorische Änderungen durchgesetzt, uns eine breite Unterstützung durch hinzugezogene Spezialisten und Avifaunisten aber erst mühsam erarbeiten müssen. Trotz schon bestehender regionaler Ornithologischer Arbeitsgemeinschaften waren die Avifaunisten Mitteleuropas noch 1968 so schlecht organisiert, dass für deren Information über die Bedürfnisse der Handbuchredaktion 2200 Rundschreiben verschickt werden mussten. Im Januar 1970 fand die konstituierende Sitzung des DDA statt, und vom selben Jahr an hat die Zusammenarbeit mit den Ornithologen Mitteleuropas trotz sehr unterschiedlicher Führung der Arbeitsgemeinschaften und trotz vager, sich ständig ändernder politischer Rahmenbedingungen immer besser funktioniert. Klare Zielsetzung, überzeugende methodische Vorgaben und eine zwischenmenschlich von gegenseitigem Respekt geprägte intensive Begleitung durch das Management sind für erfolgreiche Monitoringarbeit unabdingbar.

Weitere Inhalte:
  • Literaturbesprechungen
  • DDA-Aktuell 4/2006

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