Die Vogelwelt Bd. 126 4/2005

0
Schwerpunktthema:

Prädation und der Schutz bodenbrütender Vogelarten


Langgemach, T.:
Vorwort


Trotz Prädationsverlusten in einzelnen Kolonien sind die Populationen der Flussseeschwalbe nicht gefährdet. Foto: C.Engelhardt

Trotz Prädationsverlusten in einzelnen Kolonien sind die Populationen der Flussseeschwalbe nicht gefährdet. Foto: C.Engelhardt

Langgemach, T. & J. Bellebaum:
Prädation und der Schutz bodenbrütender Vogelarten in Deutschland
In den vergangenen 15 Jahren zeigte sich zunehmend schlechte Reproduktion als wesentliches Symptom der Abnahme vieler Bodenbrüterarten. Vor allem dort, wo die Landwirtschaft als wichtiger Einflussfaktor ausfällt, rückte zunehmende Prädation als Verlustursache in den Vordergrund, vor allem bei Hühnervögeln, Limikolen und Großtrappen. Dort, wo bei gezielten Felduntersuchungen bestandsgefährdende Prädation beobachtet wurde, spielten fast stets Raubsäuger, insbesondere der Fuchs, die zentrale Rolle. In einer Analyse der vorliegenden Literatur wurde neben dem aktuellen Ausmaß des „Prädationsproblems“ in Deutschland v.a. die Bedeutung von Lebensraumveränderungen als tieferliegende Ursache untersucht. Sie haben einerseits die Bedingungen für viele Bodenbrüterarten massiv verschlechtert, andererseits zu deutlich erhöhter Nahrungsverfügbarkeit und dauerhaft hohen Populationsdichten bei einer Reihe von Prädatorenarten geführt. Die Tollwutimmunisierung ist nur ein Teil in diesem Wirkungsgefüge. Die Folgen für bestimmte Beutearten sind gravierend, wenngleich der Anteil von Eiern oder Jungvögeln in der Nahrung der Beutegreifer unbedeutend sein kann. Eine paradoxe Situation ergibt sich dadurch, dass das Phänomen besonders in Schutzgebieten deutlich wird, da hier andere Verlustursachen zurücktreten und zudem ein Teil der Schutzmaßnahmen auch den Prädatoren zugute kommt. Die bisherige Sicht auf die Zusammenhänge ergibt sich aus einer Vielzahl von Studien, die überwiegend Einzelaspekte behandeln und teilweise zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dies zeigt die Kompliziertheit der Zusammenhänge. Dass sich noch kein befriedigendes Gesamtbild ergibt, gilt gleichermaßen für das Spektrum möglicher Gegenmaßnahmen. Dieses reicht von gezielten Lebensraumveränderungen über direkte Einflussnahme auf die relevanten Prädatorenarten durch Reduktion oder Vergrämung bis hin zu konkreten Schutzmaßnahmen an den Brutplätzen der Bodenbrüter. Die Gesamtschau zeigt, dass fast alle bisherigen Versuche des „Prädationsmanagements“ noch unbefriedigend in ihren Ergebnissen sind. Viele der angewandten Methoden haben zumindest Potenzial zur Problemminderung, sind aber teils noch nicht ausgereift bzw. werden nicht konsequent genug angewandt. Günstig ist die Kombination von Maßnahmen. Ein Teil derselben kommt jedoch nur für sehr seltene Arten in Frage. Wenig Ansatzpunkte gibt es bisher bei Waldarten. Parallel zur weiteren Suche nach Lösungen durch Forschung und Praxiserprobungen müssen die verfügbaren Methoden unverzüglich und konsequent angewandt werden, da sonst für einige Arten jede Hilfe zu spät kommt


Grabspuren eines Dachses, der sich unter dem Elektrozaun auf der Insel Langenwerder im Juni 2002 durchgegraben hatte. Foto J.Kube

Grabspuren eines Dachses, der sich unter dem Elektrozaun auf der Insel Langenwerder im Juni 2002 durchgegraben hatte. Foto J.Kube

Kube, J., U. Brenning, W. Kruch & H. W. Nehls:
Bestandsentwicklung von bodenbrütenden Küstenvögeln auf Inseln in der Wismar-Bucht (südwestliche Ostsee): Lektionen aus 50 Jahren Prädatorenmanagement
Es wird die Bestandsentwicklung von 14 Seevogelarten auf den Inseln Langenwerder und Walfisch in der Wismar-Bucht (südwestliche Ostsee) für den Zeitraum 1957–2004 beschrieben. Darüber hinaus werden Angaben zur jährlichen Anzahl beringter Jungvögel pro Brutpaar von drei Limikolen- und drei Seeschwalbenarten präsentiert. Das Hauptaugenmerk bei der Analyse der Langzeittrends gilt der Bedeutung von verschiedenen Prädatoren. Mit Ausnahme von Sturm- und Silbermöwe Larus canus, L. argentatus, deren Bestandsentwicklung jeweils vorrangig durch menschliche Verfolgung und die Bereitstellung anthropogener Nahrungsquellen beeinflusst wurde, erwies sich die Prädation durch Füchse sowie Sturm- und Silbermöwen als ein entscheidender bestandsregulierender Faktor für alle Arten auf beiden Inseln. Die Effekte der Prädatoren (Gebietsmeidung, direkte Mortalität) waren artspezifisch verschieden und variierten in Abhängigkeit von weiteren Parametern (Gebietsgröße, Prädatorendichte, Reproduktionsstatus der Prädatoren, allgemeine Nahrungsverfügbarkeit der opportunistischen Prädatoren). Seit den 1990er Jahren führte der Einfluss der Prädatoren zu unzureichendem Bruterfolg bei allen untersuchten Arten und damit zu anhaltend negativen Bestandsentwicklungen. Ursachen dieser Entwicklung sind die Zunahme der Fuchsdichte nach der Tollwutimmunisierung sowie der zunehmende Nahrungsmangel von Sturm- und Silbermöwen während der Brutzeit (Einführung der EU-Landwirtschaft mit Anbau von Raps und Wintergetreide statt Hackfrüchten, sowie Schließung von Mülldeponien und sommerliches Verbot der Schleppnetzfischerei). Es werden verschiedene Maßnahmen zur Erhaltung der verbliebenen Vorkommen empfohlen.


Boschert, M.:
Gelegeverluste beim Großen Brachvogel Numenius arquata am badischen Oberrhein – ein Vergleich von 2000–2002 mit früheren Zeiträumen unter besonderer Berücksichtigung der Prädation


Grimm, M.:
Bestandsentwicklung und Gefährdungsursachen des Großen Brachvogels Numenius arquata in den Belziger Landschaftswiesen (Brandenburg)


Schwarz, S. & A. Sutor & H. Litzbarski:
Bejagung des Rotfuchses Vulpes vulpes im NSG Havelländisches Luch (Brandenburg) zugunsten der Großtrappe Otis tarda


Barkow, A.:
Prädation an Singvogelnestern in Hecken: Der Einfluss von Neststandort, Heckenstruktur, Jahreszeit und Prädatoren


Kempf, G.:
Bestandsentwicklung der Erdmaus Microtus agrestis im periodisch überschwemmten Grünland – Ergebnisse aus dem Bremer Becken


Eikhorst, W.:
Schlupf- und Aufzuchterfolg beim Kiebitz Vanellus vanellus innerhalb und außerhalb des NSG „Borgfelder Wümmewiesen“


Thyen, S., H. Büttger & K.-M. Exo:
Nistplatzwahl von Rotschenkeln Tringa totanus im Wattenmeer: Konsequenzen für Reproduktion, Prädation und Salzrasen-Management


Junker, S., R. Ehrnsberger & H. Düttmann:
Einfluss von Landwirtschaft und Prädation auf die Reproduktion des Kiebitzes Vanellus vanellus in der Stollhammer Wisch (Landkreis Wesermarsch, Niedersachsen)


Helmecke, A., S. Fuchs & B. Saacke:
Überlebensrate von Bruten und Jungvögeln der Feldlerche Alauda arvensis und Einfluss der Prädation im Ökologischen Landbau


Sutor, A.:
Der Marderhund Nyctereutes procyonoides als potenzieller Prädator bodenbrütender Vögel ? – Auswahl brandenburgischer Ergebnisse


Zschille, J., D. Heidecke & M. Stubbe:
Zur Ökologie des Minks Mustela vison in Sachsen-Anhalt


Ryslavy, T.:
Prädation bei Bruten der Wiesenweihe Circus pygargus in Brandenburg


Flade, M. & V. Dierschke:
Andreas J. Helbig (28. Juli 1957 – 19. Oktober 2005)

Weitere Inhalte:

 

Bestellen Sie jetzt dieses Einzelheft: